Merkels Erzählkabinett

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Der verlorene Hut

Johannes Merkel

Ein Mann ging mit seiner Frau durch ein Wiesental spazieren. Der Fußweg führte sie über den Bach, da entdeckte der Mann eine Forelle. Er beugte sich über das Geländer und beobachtete den Fisch, der unbeweglich im Wasser stand.
„Halt deinen neuen Hut fest!“ rief ihm die Frau zu, die einige Schritte hinter ihm ging.
„Was sagst du?“ fragte der Mann und drehte sich in einer schnellen Bewegung nach seiner Frau um.
„Dein neuer Hut!“ rief die Frau, aber da war es schon zu spät. Beim Umdrehen war ihm der Hut vom Kopf geglitten, ins Wasser gefallen und schwamm nun mit der Krempe nach oben unter der Brücke durch. Geistesgegenwärtig wechselte der Mann auf die andere Seite der Brücke und versuchte, den Hut festzuhalten. Es gelang ihm, den Hut mit der Spitze des Spazierstocks zu fassen. Geduldig bugsierte er ihn zum Rand des Baches, wo die Strömung geringer war. Schon dachte er seinen neuen Hut gerettet zu haben, aber als er ihn mit dem Spazierstock aus dem Wasser zu fischen versuchte, fiel der Hut zurück, geriet wieder in die starke Strömung in der Mitte des Baches und schwamm davon.
„Kannst du nicht besser aufpassen?“ schimpfte die Frau.

Der Hut schaukelte in der Strömung den Bach hinunter. Mal blieb er an einer Wurzel hängen, dann riss ihn die Strömung wieder mit sich fort. So schaukelte er vielleicht ein oder auch zwei Stunden in der Strömung.
Weiter unten hatte ein Junge ein Rindenstück in den Bach geworfen und verfolgte es, indem er neben dem Bach herlief. Plötzlich sah er einen Hut vorüberschwimmen und in der nächsten Kurve sich in Zweigen verfangen, die ins Wasser hingen.
Der Junge vergaß das Rindenstückchen, zog rasch seine Schuhe aus, stellte sie auf ein Mäuerchen am Rande des Baches, krempelte die Hosen hoch und stapfte in den Bach, um sich den Hut zu holen. Aber als er mit dem nassen Hut in der Hand aus dem Bach stieg, standen seine Schuhe nicht mehr auf dem Mäuerchen. Er beugte sich über die Mauer, aber hinter der Mauer lag nur ein Schuh, sein zweiter Schuh blieb verschwunden.

Während er nämlich den Hut aus dem Bach fischte, war ein Hund vorbeigekommen, hatte die Schuhe auf der Mauer gerochen, hatte sich auf die Hinterbeine gestellt, um die Schuhe in die Schnauze zu nehmen. Dabei hatte er einen Schuh zwischen die Zähne bekommen, den andern aber über die Mauer geschubst. Mit einem Schuh im Maul war er dann weiter gelaufen.
Der Hund gehörte zu einem Bauernhof in der Nähe und dorthin lief er mit seinem Schuh. Aber als er die Kuhweide vor dem Bauernhof überquerte, kam ihm eine Kuh zu nahe. Der Hund bellte sie wütend an, dabei fiel ihm der Schuh aus dem Maul, und als die Kuh auf ihn losging, rannte er los und ließ den Schuh des Jungen auf der Kuhweide liegen.
Da lag der Schuh, wurde ab und zu von einer Kuh beschnuppert, aber was soll eine Kuh mit einem gebrauchten Schuh anfangen? Die Kühe trabten weiter und hielten sich lieber an das frische Gras. Bis eine Kuh aus Versehen mit dem Huf in den einsamen Schuh trat. Der Huf war für den Kinderschuh zu dick und deswegen steckte ihr Huf jetzt darin fest. Das passte der Kuh aber nicht, sie rannte los und versuchte den Schuh loszuwerden. Dabei trat sie noch fester in ihn hinein und er ging erst recht nicht mehr ab. Die gute Kuh rannte aufgeregt über die Weide und blökte sie verzweifelt.
Das hörte der Bauer und bemerkte gleich, dass da etwas nicht stimmte. Er schaute nach der Weide, da sah er eine seiner Kühe mit einem Schuh am Huf herumrennen. Es gelang ihm das Tier zu beruhigen, und als es stehen blieb, hob er vorsichtig den Hinterlauf der Kuh hoch, um den Schuh abzuziehen. In diesem Moment wurde die Kuh wieder nervös, schlug mit dem Hinterlauf aus und stieß den Bauern um. Der konnte noch von Glück reden, dass er ziemlich weich mitten in einem frischen Kuhfladen landete.
Dem Bauern war nichts passiert, nur der Kuhfladen hatte auf dem das Hemd einen großen Flecken hinterlassen. Der Bauer zog das versaute Hemd aus, hing es über die herabhängenden Zweige eines Apfelbaums und kümmerte sich erst einmal um die Kuh mit dem Kinderschuh. Er trieb sie in den Melkstand, wo er ihr den Kinderschuh endlich vom Huf ziehen konnte.
Inzwischen war draußen das Unwetter losgebrochen, das sich schon seit Stunden ankündigte. Ein Sturmwind fegte durch die Bäume, dann begann es zu blitzen und zu donnern und schließlich prasselte ein heftiger Regen auf das Scheunendach. Als sich der Bauer später nach seinem Hemd umsah, war es verschwunden. Offensichtlich hatte es der Sturmwind mitgerissen. Aber um das alte Hemd war es ja auch nicht schade!

Tatsächlich hatte der Sturmwind das Hemd aufgebläht und vor sich hergetrieben. Kilometer weiter blieb es am Rande einer Landstraße im Geäst einer Eiche hängen. Als dann der Regen loslegte, saugte sich der Stoff voll Wasser, wurde schwerer und schwerer. Vom Gewicht des Wasser brachen die dünnen Äste, in denen das Hemd sich verfangen hatte und es fiel zu Boden. In diesem Moment fuhr ein Handelsvertreter unter der Eiche vorbei und das regennasse Hemd klatschte ihm auf die Windschutzscheibe. Er sah plötzlich nichts mehr, trat voll auf die Bremse, rutschte auf dem regennassen Belag von der Fahrbahn und landete im Straßengraben.
Fluchend stieg er aus dem Wagen und versuchte ihn aus dem flachen Graben auf die Fahrbahn zu schieben. Dabei spannte ihn die Krawatte um den Hals, er zog sie ab, hing sie am Straßenrand über einen Zaun und versuchte es noch einmal. Aber der Wagen rückte keinen Millimeter von der Stelle. Da hörte er einen Traktor herantuckern, hielt ihn an und der Fahrer zog ihn bereitwillig aus dem Graben. Das nasse Hemd schleuderte der Vertreter in den Graben, wo sein Auto festgesessen hatte, er setzte sich in den Wagen und fuhr weiter. Dass er seine Krawatte auf dem Weidezaun vergessen hatte, fiel ihm erst eine halbe Stunde später auf. Sie war ein Geschenk seiner Angebeteten, deswegen fuhr er zurück, um sie zu holen. Zwar lag noch das alte Hemd im Straßengraben, aber die Krawatte hing nicht mehr über dem Zaun.

Kurz nachdem der Vertreter weiter gefahren war, kam nämlich die Sonne wieder heraus. In die Krawatte waren silberne und goldene Fäden eingewirkt, die im Sonnenlicht leuchteten und eine Elster anlockten. Die Elster nahm das glänzende Ding in den Schnabel und flog damit weg. Inzwischen hatte die glänzende Krawatte aber auch eine zweite Elster angelockt, die das andere Ende zu fassen kriegte. Und so zerrten die beiden Elstern im Flug an der Krawatte. Bis ein Fahrradfahrer, der einen Feldweg entlang radelte, auf die beiden streitenden Vögel aufmerksam wurde und mit Steinchen nach ihnen warf. Da ließen sie die Elstern die Krawatte los und flogen davon.

Die Angebetete hatte dem Vertreter die Hölle heiß gemacht, wo denn die teuere Krawatte geblieben wäre und überhaupt, wie er mit ihren liebenvollen Geschenken umging. Der Vertreter behauptete, er habe sie nur in die Reinigung gebracht und suchte inzwischen alle Fachgeschäfte für Herrenkleider nach dieser Krawatte ab. Leider war sie nirgends zu kriegen.
Umso überraschter war er, als er drei Wochen später in einen Laden trat um Bestellungen aufzunehmen, und ihm dort ein abgerissener Kerl entgegentrat, der unter einer alten löchrigen Anzugsjacke genau diese Krawatte trug. Der Vertreter ging schnurstracks auf ihn zu und fragte ihn, woher er diese Krawatte habe.
„Das geht dich einen trockenen Furz an!“ meinte der andere. Aber der Vertreter griff nach der Krawatte, drehte sie um und sah die auf der Rückseite eingestickten Anfangsbuchstaben seines Namens. Kein Zweifel, das war seine Krawatte. Er verlegte sich aufs Verhandeln und schließlich ließ ihm der Kerl die Krawatte für 30 Euro.
Aber was war mit der Krawatte passiert und wie war der Kerl schließlich an sie geraten?

Der Bauer, dessen Kuh in einen Kinderschuh getreten war, fuhr einige Tage später in eine Großgärtnerei, um Rübenpflanzen zu kaufen. Er musste warten, bis er dran kam und vertrat er sich so lange die Beine. Hinter dem Treibhaus hing eine Vogelscheuche in einem Kirschbaum, und als der Bauer genauer hinschaute, kam es ihm vor, als trüge die Scheuche das Hemd, das ihm neulich der Sturmwind wegholte. Er stieg auf den Baum, und es war eindeutig sein Hemd: Erstens erkannte er es an den zwei Löchern unterhalb des Hemdkragens und außerdem zeugte noch ein kreisrunder dunkler Flecken auf dem Hemdrücken von dem Kuhfladen, in den er gefallen war.
Nun ja, was sollte er mit dem alten Hemd noch anfangen? Sollte es doch seinen Dienst als Vogelscheuche tun, zu etwas anderem war es sowieso nicht mehr zu gebrauchen.
Nur hätte er zu gerne gewusst, wie das alte Hemd dazu kam, in der Großgärtnerei als Vogelscheuche zu dienen.

Der Junge, der damals am Bach gespielt und den Hut aus dem Wasser gefischt hatte, war ein wahrer Wassernarr. Er konnte keine Pfütze sehen, ohne hineinzutappen und an keinem Bach vorübergehen, ohne rein zu steigen.
Als er seinen Schuh verlor, war er bei einer Tante auf Besuch gewesen. Inzwischen war er längst wieder zu Hause und hantierte an dem Bächlein, das hinter seinem Haus vorbeifloss. Er hatte sich ausgedacht, dort ein Wehr zu bauen und das Wasser aufzustauen. Am Wehr ließ er eine Kante offen, über die das Wasser fließen konnte, um dort ein Wasserrad anzubringen. Das Wasserrad sollte dann eine Ratsche betreiben, die Tag und Nacht durch den Wald klappern und als Echo aus dem Wald zurückkommen sollte.
Als er zwischendurch von seiner Arbeit aufblickte, sah er, dass sich ein Schuh an seinem Wehr verfangen hatte, und als er ihn rausfischte und untersuchte, bemerkte er, dass das der zweite Schuh war, den er neulich auf Besuch bei seiner Tante verloren hatte.
Wie war dieser Schuh bloß zu ihm zurückgekommen? Und wer hatte ihn in das Bächlein geworfen, an dem er gerade sein Wehr baute?

Der gute Mann, dem der Hut in den Bach gefallen war, liebte es mit seiner Frau lange Ausflüge zu machen. Und auf so einem Ausflug kamen sie Wochen später auf einem Wanderweg durch den Wald.
Da sagt die Frau plötzlich: „Da schau mal, da nistet ein Vogel in einem Hut.“ Tatsächlich hing in den Zweigen einer Buche ein Hut, aus dem gerade ein Vogel aufflog.
„Was es alles gibt!“ meinte der Mann und wollte weiter gehen. Aber die Frau hielt ihn fest.
„Der sieht aus wie der neue Hut, den du neulich verloren hast.“
„Nun mach aber halblang! Das war gute 50 Kilometer von hier entfernt! Wie sollte der Hut ausgerechnet hierher kommen?“
„Musst du immer alles besser wissen!“ schimpfte die Frau und versuchte auf die Buche zu klettern.
„Das lass besser mich machen!“ meinte der Mann und kletterte schnaufend in den Baum. Schließlich konnte er den Hut mit seinem Stock von den Zweigen stochern und die Frau unten fing ihn auf.
Sie untersuchte den Hut, und es war tatsächlich der Hut, der ihrem Mann vor Wochen auf der Brücke vom Kopf gefallen war.
„Na bitte!“ meinte die Frau.
Nur, wie war dieser Hut dazu gekommen, gute 50 Kilometer entfernt als Vogelnest in einer Buche zu landen?

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

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