Merkels Erzählkabinett

 
 
 
 

Das entlaufene Bier

Johannes Merkel

Es war einmal ein Mann, der hatte schon drei Flaschen Bier getrunken. Da holte er sich auch noch eine vierte Flasche. Aber das Bier aus der vierten Flasche sagte sich: “Der Kerl hat schon mehr als genug geschluckt. Der soll mich nicht auch noch durch die Gurgel jagen!” Und als der Mann das Bier ins Glas gießen wollte, schäumte das Bier, was es schäumen konnte, und das Bier quoll über das Glas hinaus. Da griff der Mann hastig nach dem Glas, um den Schaum wegzuschlürfen. Aber weil er schon drei Flaschen geschluckt hatte, griff er daneben, warf das Glas um und das ganze Bier lief über den Tisch.
Auf dem Tisch lag eine Tischdecke, die schimpfte: “Iiih, hau ab! Du machst mich ganz nass.“ Da lief das Bier zur Tischkante und tropfte auf den Fußboden.
Auf dem Fußboden lag ein Teppich, der flötete: “Komm her, mein Süßer! Lass dich aufsaugen”. Aber das Bier wollte sich vom Teppich nicht aufsaugen lassen und lief unter der Türritze durch auf den Hausflur .
Im Hausflur lag ein Putzlappen, der fauchte: “Was versaust du mir meinen blitzsauberen Fußboden? Na warte, gleich wisch ich dich weg, du Schmutzfink!” Aber das Bier wollte sich auch vom Putzlappen nicht wegwischen lassen, es lief über die Treppe hinab und unter der Haustür hindurch auf die Straße hinaus.
Vor dem Haus war im Pflaster ein Gulli eingelassen, der lachte: “Mal was Neues! Ein Glas Bier, und nicht immer nur dieser langweilige Regen. Wunderbar! Wunderbar!” Und damit wollte er das Bier schlucken. Aber das Bier wollte sich auch von dem Gulli nicht schlucken lassen, es machte einen Bogen und lief um den Gulli herum.
Auf der Straße stand eine Pfütze, die rief: “Mein Gott, du stinkst ja wie ein alter Säufer! Komm her, in mir kannst du baden”. Das Bier wollte aber sich aber auch in keiner Pfütze baden. Es stoppte vor der Pfütze und wechselte die Richtung.
Da kam ein Hund über die Straße gelaufen, der freute sich: “Du kommst mir wie gerufen. Was hab ich für einen Durst! Ich muss was trinken”. Und damit wollte er das Bier auflecken. Aber das Bier wollte sich auch von einem Hund nicht auflecken lassen. Es setzte sich eine dicke Schaumkrone auf. Der Hund leckte nur Luft und Schaum und verlor die Lust daran zu lecken.
Wer weiß, wer noch alles vorbeikam und sich das Bier greifen wollte?
Schließlich kam auch ein Auto über die Straße gefahren und schrie: “Verschwinde von der Fahrbahn! Oder ich mache dich platt!” Das Bier aber wollte sich auch von einem Auto nicht platt machen lassen. Deshalb verschwand es schnell in einer Ritze im Straßenbelag, da konnte ihm das Auto nichts mehr anhaben.

Woher ich das alles weiß? Ich war doch der Kerl, der schon drei Flaschen geschluckt hatte und der das Bierglas umstieß. Was war ich sauer, daß mir das Bier vor der Nase weglief! Ich bin ihm hinterher gegangen und habe alles genau beobachtet. Und als es in der Straßenritze verschwand, sagte ich mir: “Na warte, jetzt sitzt du in der Falle”. Ich besorgte mir einen langen Strohhalm, legte mich auf die Straße, um das freche Bier aus der Ritze zu saugen.
Leider kam grade da von der einen Seite ein Bus angefahren. Der Busfahrer hupte wie verrückt. Ich krabbelte auf die andere Fahrbahnseite, um ihm Platz zu machen. Jetzt kam von der andern Seite auch noch ein Lastwagen, dessen Fahrer brüllte: “Mann, bist du lebensmüde?”
Da kriegte ich es mit der Angst, sprang auf und machte mich davon. Aber gewurmt hat es mich doch, dass mir dieses dreiste Bier einfach so mir nichts dir nichts davongelaufen ist. Deswegen hab ich im weiten Umkreis um mein Haus Zettelchen an alle Bäume geheftet. Darauf stand: “Goldgelbes Bier entlaufen! Wer es gesehen hat, oder weiß, wohin es geraten ist, erhält als Belohnung einen Hunderter”. Darunter stand meine Adresse und mein Telefon.
Und was glaubt ihr, wie viele da angerufen haben. Das Telefon stand nicht mehr still. Und alle behaupteten, ganz genau zu wissen, wo mein Bier geblieben ist. Was glaubt ihr wohl was die mir alles erzählten?

Ehrlich gesagt, ich hab keinem von diesen Angebern geglaubt. Die wollten sich doch alle nur die Belohnung verdienen.
Inzwischen weiß ich aber, was aus meinem Bier geworden ist. Gestern nämlich fiel mir auf, dass bei meinem Nachbarn im Hof ein Huhn auf einem Bein herumtanzte, wie ein alter Gockel krähte und dabei aufgeregt mit den Flügeln flatterte. Das verrückte Huhn war betrunken, und ich wette, dieses Huhn hat mein weggelaufenes Bier geschleckt. Aber wie ist es bloß an das Bier gekommen? Es konnte das Bier doch nicht mitten auf der Landstraße aus der Ritze im Straßenbelag picken. Dabei wäre es doch bestimmt überfahren worden.



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